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Gehen oder Bleiben? Ein Plädoyer für die Ambivalenz Beratung

Ambivalenzen treten in allen Lebensbereichen auf. Zu vielen Fragen des Lebens lassen sich schnelle Antworten finden, vor allem dann, wenn keine weitreichenden Konsequenzen folgen.

Ambivalenzen begleiten auch jede Partnerschaft. Es gibt keine Beziehung, in der es nicht immer wieder zu Fragen kommt, die sich mit Alternativen zu der aktuellen Beziehungssituation beschäftigen. Innerhalb einer Partnerschaft ist die Entscheidung „Gehen oder Bleiben?“ oft ein schwieriger und langwieriger Prozess, ganz besonders dann, wenn das Paar gemeinsame Kinder hat. Studien beschreiben, dass selbst bei Einreichen einer Scheidung eine hohe Zahl der Betroffenen angibt, ambivalent hinsichtlich der Scheidung zu sein. (Doharty et al. 2011)

Definition

Eine Ambivalenz Beratung bietet sich an, wenn ein Partner sich mit Trennungsgedanken beschäftigt und / oder sich vielleicht bereits emotional distanziert hat, während der andere Partner versucht, an der Beziehung festzuhalten. Ambivalenz Beratung kommt auch dann zum Einsatz, wenn beide Partner sich einig sind, in einer tiefen Beziehungskrise zu stecken und zwischen Trennungsfantasien und dem Wunsch die Beziehung zu retten, hin- und hergerissen sind.

Ambivalenz Beratung zielt darauf ab, die gegensätzlichen Bedürfnisse und unterschiedlichen Interessen herauszuarbeiten, um dann zu schauen, ob die Themen der Ambivalenz für eine Paarberatung genutzt werden können. Eine andere Option ist, die Beziehung zu einem guten Ende zu bringen, um anschließend im Rahmen einer Trennungsberatung oder Mediation, sinnvolle Lösungen zu erarbeiten, die zum individuellen Wachstum der Betroffenen beitragen.

Fragen – Zweifel – Ängste

Häufig sind die ersten Jahre einer Paarbeziehung voller Freude und Zuversicht auf die gemeinsame Zeit miteinander. Doch nach einigen Jahren, insbesondere nach der Geburt der Kinder, können sich bei anhaltenden Belastungen Fragen folgender Art stellen:

Hat meine Beziehung noch eine Chance? Wäre ich nicht glücklicher, freier ohne meine Beziehung und die dauernden Konflikte? Habe ich mir mein Leben so vorgestellt? Was spricht dafür zu bleiben, was dafür zu gehen? Passen unsere Werte noch zueinander? Kann ich (falls geschehen) einen möglichen Seitensprung verzeihen? Wie würde sich mein Leben ohne die Beziehung gestalten? Was tue ich meinem Kind/meinen Kindern mit einer Trennung an? Habe ich genug Selbstvertrauen, meinen Weg auch alleine zu gehen? Werde ich

wieder eine neue Beziehung haben? Wie sieht meine wirtschaftliche Situation aus? Wie wird mein Umfeld reagieren? Wie komme ich mit einem eventuellen Scheitern und den Schuldgefühlen zurecht?

Die Auseinandersetzung mit diesen Sorgen und Ängsten über einen längeren Zeitraum zeichnet die Ambivalenz aus. Häufig beschäftigt sich ein Partner mit diesen Fragen, ohne den anderen in das eigene Zweifeln einzubeziehen. So wird die Kluft zwischen beiden immer größer. Tauchen die Fragen der Ambivalenz hinsichtlich der Beziehung über einen längeren Zeitraum auf, schließen sich fast unmittelbar auch Fragen hinsichtlich einer Alternative zur gegenwärtigen Beziehung an.

Handlungsfähig bleiben

Für das Paar ist es nicht leicht, in einer Phase der Ambivalenz zu leben. Sind die Ambivalenzen offengelegt, brauchen beide Partner eine Orientierung, denn die Frage ist, wie lange sie sich (und ggf.den Kindern) das kraftraubende Hin- und Hergerissen-Sein zumuten können und wollen. Eltern müssen in der Zeit der Ambivalenz handlungsfähig für sich und ihre Kinder bleiben. Etliche Fragen sollten daher geklärt werden, so z.B. Welche Regeln für das Paar und die Familie müssen in dieser Zeit beachtet werden? Was sagen Eltern ihren Kindern in der Situation? Wer braucht welche Zeit für sich, um aus einem beruhigten Selbst eine kluge, reflektierte Entscheidung treffen zu können? Hier macht es Sinn, Zeitschienen mit den Ratsuchenden zu entwickeln, in denen erste Entscheidungen für diese Zeit getroffen werden können.

Auch wenn die Kinder keinen lauten Streit erleben, so spüren sie doch sehr genau, dass es Spannungen zwischen den Eltern gibt und jeder Elternteil nur teilweise innerlich anwesend ist. Das führt zu Verunsicherung der Kinder, denn n der Regel können sie die Situation nicht einschätzen und sind ängstlich, was passieren wird. Daher brauchen Kinder in dieser Zeit Eltern, die sie im Blick haben.

Stress in der Ambivalenz Phase

Die Phase der Ambivalenz ist äußerst spannungsgeladen und in der Folge mit viel Stress für alle Beteiligten verbunden.

In Stresssituationen wird vermehrt Cortisol ausgeschüttet. Dadurch werden Gedächtnisleistung und Verhalten der Partner beeinflusst. Unter Stress wird die Aufmerksamkeit eher auf vorhandene Bedrohung gerichtet, statt auf vorhandene Ressourcen. Die Partner tendieren dazu, in alte Verhaltensmuster zu fallen und rigide zu reagieren. Meist interpretieren sie das Verhalten des anderen negativ, zum Teil werden sie auch selber aggressiv. (Roth, 2014).

Daher ist es wichtig, den Einzelnen durch stressreduzierende Verfahren zum Selbstzugang zu verhelfen. Nur ein ruhiger Geist kann kluge Entscheidungen treffen.

Möglicher Verlauf einer Ambivalenzberatung

Zunächst wird mit dem Paar oder dem Einzelnen, je nachdem in welchem Setting die Beratung aufgesucht wird, daran gearbeitet, für welche Anliegen eine Unterstützung gesucht wird. Dabei wird zwischen Paarberatung- Ambivalenz Beratung und Trennungs-und Scheidungsberatung unterschieden. In der Paarberatung geht es um die Stabilisierung der Beziehung, mit der Perspektive als Paar weitere gemeinsame Entwicklungsschritte zu machen. In der Trennungs- und Scheidungsberatung werden alle Fragen hinsichtlich der Trennung geklärt und der emotionale Verarbeitungsprozess unterstützt.

Die Ambivalenz Beratung liegt mit ihrem Angebot genau zwischen den Angeboten der Paar- und Trennungsberatung. Die Partner haben noch keine Entscheidung getroffen. Deshalb muss mit dem vorhandenen Schwebezustand möglichst konstruktiv umgegangen werden.

Für die Beratung bedeutet das, zunächst für einen sicheren Rahmen zu sorgen, in dem es den Betroffenen möglich ist, zur Ruhe zu kommen. Nur so kann ein offener und ehrlicher Austausch zwischen den Partnern begonnen werden bzw.in der Einzelberatung die Selbstreflexion angestoßen werden. Die Klienten benötigen innere Ruhe, um zu mehr Klarheit zu gelangen. Je mehr Klarheit erreicht wird, desto leichter werden die persönlichen Anliegen wieder bewusst. Dies wiederum führt zu mehr Selbstbewusstsein, im Sinne von „sich seines Selbst“ bewusst zu werden.

Entscheidend ist, dass das Paar zu mehr Offenheit und bestenfalls auch Akzeptanz für unterschiedliche Bedürfnisse an ihre Partnerschaft kommt. Erwartungen an die Beziehung verändern sich im Verlauf der Zeit immer wieder und sind von den Herausforderungen der aktuellen Lebenssituation geprägt. Jede Übergangsphase bringt neue Herausforderungen mit sich. Dabei ist es gleichgültig, ob Kinder kommen oder das Nest wieder verlassen, ob es Probleme in der Erziehung gibt oder ein Partner seine Arbeit verliert, ob einer der Partner krank wird oder nach der Kinderbetreuung wieder ins Erwerbsleben zurück möchte.

In einem weiteren Schritt geht es darum, einen gegenseitigen Verstehens Prozess anzuregen, in dem deutlich werden soll, wofür die Ambivalenz steht. Den jeweils anderen zu verstehen, heißt nicht, mit allem einverstanden zu sein.

Außerdem muss geklärt werden ob es um Veränderung innerhalb der Beziehung geht oder ob am Ende die Gefühle für den jeweils anderen nicht mehr in dem Maße vorhanden sind, dass die Beziehung fortgesetzt werden kann? Voraussetzung für diesen Klärungsprozess in der Ambivalenz Phase ist ein „wirkliches Interesse“ (Liebe?) aneinander, eine eigene Veränderungsbereitschaft, eine gemeinsame ehrliche Bilanz der bisherigen Beziehung, eine Aufarbeitung möglicher bestehender Kränkungen sowie ausreichend gemeinsame Visionen und Ziele für eine gemeinsame Zukunft (Hötker & Ponath, 2009, S.85).

In der Beratung kann auch daran gearbeitet werden, welche Bereiche der Unzufriedenheit tatsächlich im Zusammenhang mit der Partnerschaft stehen und welche Aspekte in der persönlichen Geschichte begründet liegen. Meist müssen

auch Idealisierungen aus der Anfangszeit der Beziehung aufgegeben werden, um anschließend für beide Partner ein realistisches Beziehungsbild zu schaffen?

Zudem ist es dringend notwendig, die Stressoren eines Paares mit Kindern genauer zu betrachten. Laut Bodenmann (2015) sind die Alltagsstressoren der Faktor, der Beziehungen am meisten belastet. Um den täglichen Anforderungen gerecht zu werden, braucht es eine stabile Partnerschaft. Häufig sind jedoch die Erwartungen an die gegenseitige Unterstützung nicht geklärt, was zu dauerhaften Konflikten und großer Unzufriedenheit führen kann.

Oftmals macht es Sinn, im Rahmen einer Ambivalenz Beratung, gedanklich an den Beginn der Partnerschaft zu gehen. So erfährt man in den Beratungen oft, dass es bereits zu Beginn der Beziehung, selbst bei der Eheschließung, kein wirkliches „JA“ zueinander gegeben hat, sondern schon damals eine unausgesprochene Ambivalenz vorhanden war. Es ist naheliegend, dass so gestartete Beziehungen dauerhaften Belastungen nur selten Stand halten können.

Aus Angst sollte Mut werden

Angst ist das größte Hindernis eine Entscheidung zu treffen. Die meisten Sorgen und Zweifel entstehen in Gedanken an die Kinder. Werde ich die Kinder noch ausreichend sehen? Werden sie langfristig emotional unter einer Trennung leiden? Kann ich die Verantwortung für die eigene Entscheidung als Mutter oder Vater übernehmen? Angst gibt es auch vor anderen möglichen Konsequenzen, z.B. vor Reaktionen der Eltern oder Freunde. Auch soziale und wirtschaftliche Themen spielen in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Schließlich besteht auch die Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen.

Angst löst Stress aus und verhindert so, sich mit klarem Kopf den Themen zu widmen. Aus Angst sollte Mut werden können, entweder Mut, die Partnerschaft wiederaufzunehmen und an den Themen zu arbeiten, die zu mehr Zufriedenheit in der Partnerschaft führen oder, eigene Wege zu gehen. Mut ist nicht zwingend die Abwesenheit von Angst, sondern mutig etwas anzugehen, heißt es zu tun, obwohl man Angst hat.

Die Angst kann am ehesten genommen werden, wenn der Klient zur Ruhe kommt und dann unter Begleitung in der Beratung sich den Ängsten stellen kann. Erst wenn die Angst bewältigt werden kann, wird eine Entscheidung möglich sein.

Schlussbemerkung

Es ist ganz besonders entscheidend, sich zu einem möglichst frühen Stadium der Ambivalenz um Beratung zu bemühen. So können sich die Ratsuchenden, miteinander oder jeder für sich, mit den Hintergründen der vorhandenen Ambivalenz auseinandersetzen. Je früher Beratung aufgesucht wird, desto weniger verhärtet sind die Fronten. Umso leichter kann abgewogen werden, ob die Beteiligten weiter als Paar zusammenbleiben oder lieber getrennte Wege gehen sollten. Dies ist und bleibt eine ganz individuelle Entscheidung. Es braucht

Zeit und Ruhe, um eine gute und durchdachte Entscheidung zu treffen, hinter dieser man dann auch stehen kann.

Katrin Normann

Paar- und Familientherapie; ACT- Therapie; Mediation

Literatur:

Bodenmann G. (2015): Bevor der Stress uns scheidet. Bern Huber Verlag

Harris R. (2015): ACT der Liebe. Freiburg, Arbor Verlag

Hess.T. (2006): Lehrbuch für systemische Arbeit mit Paaren. Heidelberg, Carl-Auer-Systeme

Hötker-Ponath, C. (2009): Trennung und Scheidung Prozessbegleitende Interventionen in Beratung und Therapie. Stuttgart, Klett-Cotta Verlag

Roth, G, Strüber, N. (2014): Wie das Gehirn die Seele macht. Stuttgart, Klett-Cotta Verlag

Weber, R. (2010): Gehen oder bleiben? Stuttgart, Klett-Cotta Verlag