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Gelassen in turbulenten Zeiten

Gelassen in turbulenten Zeiten – Gestärkt durch die Trennung

Katrin Normann

Eine Trennung oder eine Scheidung stellt für beide Partner meist eine hochbelastende Situation dar. Dies ist umso mehr der Fall, wenn Kinder aus der Partnerschaft hervorgegangen sind. Durch die neue Lebensrealität sind beide Partner gefordert, zukunftsweisende Entscheidungen zu treffen.

Das GITZ-Seminar wurde entwickelt um Frauen in Trennungssituationen ein Angebot zu machen, die belastende Situation zu verarbeiten, einen Zugang zu den eigenen Wünschen herzustellen, neue Ziele zu entwickeln und sie zu ermutigen, diese in die Tat umzusetzen. Selbstverständlich könnten auch Männer von einem solchen Programm profitieren. Die Praxis hat jedoch gezeigt, dass es sich lohnt, geschlechtsspezifische Programme anzubieten und es Männern deutlich schwerer fällt, ein solches Programm anzunehmen.

„Gelassen in turbulenten Zeiten“ – Eine Einführung

GITZ wurde als ressourcenorientiertes Stressbewältigungsprogramm entwickelt und ist ein Gruppenangebot in der Trennungs- und Scheidungsberatung. Es richtet sich an Frauen in Partnerschafts- und Trennungskrisen, schwerpunktmäßig an jene, die sich in der zweiten Phase der emotionalen Trennung befinden. Um sich auf die Inhalte des Seminars einlassen zu können, sollten die Seminarteilnehmerinnen die erste Phase des „Nicht wahrhaben-Wollens“ (nach Kast 2011) bewältigt haben.

Die Erfahrung zeigt, dass Teilnehmerinnen, die zu einem zu frühen Trennungszeitpunkt in das Programm kommen, noch nicht offen sind Neues zu lernen, da sie emotional noch zu sehr damit beschäftigt sind, die Trennung zu akzeptieren.

Folgende Ziele sollen durch das Programm erreicht werden:

  • Überforderungen & Stressmuster erkennen
  • Affekt- & Emotionsregulation
  • Gedankensteuerung
  • Selbstzugang unterstützen
  • Selbstwert stärken
  • Ressourcen aktivieren
  • Neue Werte und Ziele definieren

GITZ ist ein mehrdimensionales Programm, das sowohl kognitive, emotionale und körperliche als auch soziale Aspekte berücksichtigt. Die Trauerphasen nach Kast (2011) und die theoretischen Grundlagen der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) (Wengenroth 2017) bilden im Wesentlichen den theoretischen Überbau für den praktischen Ansatz. Das Programm stellt ein strukturiertes Vorgehen zur Stressbewältigung dar. Die oben beschriebenen Ziele werden durch stressregulierende Methoden und Techniken vermittelt und eingeübt. Erst wenn es den Frauen gelingt, in die eigene innere Ruhe zu kommen, also sich nicht ihren Emotionen hilflos ausgeliefert zu fühlen, können sie sich durch strukturierte Anleitung ihrer Stärken und Fähigkeiten bewusst werden. Erst dann kann es nach und nach gelingen, schmerzlich Erlebtes in die eigene Biographie zu integrieren und neue eigene Lebensperspektiven zu entwickeln.

GITZ wird als gruppenbasiertes Verfahren durchgeführt, da Gruppenangebote der Einzeltherapie zur Stressbewältigung überlegen zu sein scheinen und soziales Lernen ermöglichen (McRoberts et al., 1998; Yalom, 2015). Auch Kast beschreibt, dass Gespräche mit anderen Personen wesentlich zur Auseinandersetzung in Trennungskrisen beitragen. Die Teilnehmerinnen erleben durch die Gruppenerfahrung eine zusätzliche emotionale Unterstützung, die dem Gefühl des Alleinseins entgegenwirkt. So werden die eigenen Probleme in gewisser Weise normalisiert und die Frauen stellen fest, dass sich alle Teilnehmerinnen des Seminars mit ähnlichen Fragen, Themen und Problemen auseinandersetzen müssen.

„Nicht der bloße Vorgang des Sich Aussprechens ist wichtig, nicht nur die Entdeckung, dass die Probleme anderer unseren eigenen ähnlich sind, nicht die darauffolgende Widerlegung unserer Überzeugung, wir seien einzigartig in unserem Elend, ist wichtig; das affektive Teilen der eigenen inneren Welt mit anderen und das anschließende Angenommen werden scheinen das allerwichtigste zu sein“ (Yalom, 2004, S.44).

Entsprechend des Traueransatzes nach Kast, der die Reorganisation des Beziehungsselbst zum individuellen Selbst im Fokus sieht, trägt der Austausch in der Gruppe zu diesem Transformationsprozess bei. Durch das Erzählen der eigenen Geschichte, die Entdeckung neuer Perspektiven sowie die Wahrnehmung anderer Realitäten, kann die eigene Biographie retrospektiv verändert, neue Visionen gebildet und zu einer Umstrukturierung des Selbst beigetragen werden.

Struktur des GITZ-Seminars

An einem Seminar nehmen bis zu acht Frauen teil, die sich in der Regel einmal wöchentlich an fünf Terminen mit der Seminarleiterin treffen. Jede Einheit ist in drei Arbeitsphasen strukturiert. In der ersten Phase des Seminars steht die Körperwahrnehmung im Vordergrund, die mit unterschiedlichen Übungen instruiert wird. Während die zweite Phase des Seminars den Teilnehmerinnen durch verschiedene eher explizite Übungen und Techniken Selbsterfahrung zur Förderung des Selbstzugangs vermitteln. In der dritten Phase werden über Imaginationen und implizite Verfahren stärker die weniger bewusstseinspflichtigen Anteile des Gedächtnisses angesprochen. Auf diese Weise soll zur Reorganisation des Selbst beigetragen werden. Alle drei Phasen werden im Folgenden inhaltlich genauer beschrieben werden.

Phase Eins

Ziel der Körperwahrnehmung ist es, die Frauen auf das „Hier und Jetzt“ zu fokussieren. Sie werden geschult, nach und nach ihren Körper wieder mehr zu spüren. Gleichzeitig kommen die Teilnehmerinnen durch die entspannende Instruktion zur Ruhe und auch mental in der Gruppe an. Die Teilnehmerinnen erlernen in jeder Einheit eine neue Atem- und Entspannungstechnik, um die für sie passende Methode zu finden.

Die Konzentration auf den Atem führt zu physiologischer Ruhe. So wird die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart gelenkt und der eigene Körper kann bewusst wahrgenommen werden (Michalak, Heidenreich & Williams, 2011,). Durch die Konzentration auf den Atem lernen die Teilnehmerinnen außerdem mit Rumination (Gedankenkreisen) umzugehen und diese zu unterbrechen. Sie entdecken, dass sie ihren Gedanken nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern aktiv Einfluss auf diese nehmen können (Michalak & Heidenreich, 2013). Zudem wird durch Entspannungs- und Atemtechniken ein Ausgleich geschaffen, der den Teilnehmerinnen erlaubt, anstehende Herausforderungen und Aufgaben mit mehr Gelassenheit und Kraft zu bewältigen (Meibert, Michalak & Heidenreich, 2006).

Durch das Erlernen verschiedener Entspannungs- und Atemtechniken wird der Selbstzugang gefördert. Die Teilnehmerinnen lernen, sich in anstrengenden Lebenslagen zu entspannen und so mehr Zugang zu ihren gefühlsmäßigen, ganzheitlichen Netzwerken zu erhalten. Durch mehr Selbstzugang können aktuelle Empfindungen und Handlungen auf Kompatibilität mit den eigenen Zielen, Wünschen, Bedürfnissen, Werten und in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen überprüft und mit diesen in Einklang gebracht werden. Die so zustande kommenden, selbstkongruenten Handlungen und Wahrnehmungen fördern das Wohlbefinden. Durch die Fähigkeit zur Selbstberuhigung wird folglich der Selbstzugang gestärkt. Dies wiederum stärkt die Selbstregulation.

Phase Zwei

Bietet die erste Phase des Seminars eine Möglichkeit mit negativem Affekt umgehen zu lernen und sich somit auch für die Inhalte des Seminars zu öffnen, werden den Frauen in der zweiten Phase des Seminars konkrete Techniken und Übungen zur Selbsterfahrung angeboten, um auf einer expliziten Ebene ein Verständnis für den Umgang mit der Belastungssituation zu schaffen. Durch Methoden der ACT-Therapie die darauf abzielen, Gedankenkaruselle zu unterbrechen und ein durch konkretes Handeln eigenen Werten entsprechend zu leben, wird die Selbstwirksamkeit deutlich erhöht. Das dadurch aufgebaute Selbstwirksamkeitserleben soll es ermöglichen, sich von der alten Konstrukten zu lösen, oder diese auch u akzeptieren,  um für die Zukunft neue Werte zu entwickeln. In den fünf Einheiten wird jeweils ein unterschiedlicher Themenschwerpunkt gewählt, der zum positiven Umgang mit der Situation beitragen soll:

  • Verständnis für Stressentstehen und Stressverarbeitung
  • Ressourcenaktivierung und Ressourcenstärkung
  • Grenzen erkennen und umsetzen
  • Achtsamkeit
  • Akzeptanz, Integration
  • Entwickeln von eigenen Werten

Verständnis für Stressentstehen und Stressverarbeitung

Um das persönliche Stressgeschehen zu verstehen und Einflussmöglichkeiten zu erkennen, lernen die Teilnehmerinnen das Stressmodell von Lazarus (1991) kennen. Die Frauen werden sich ihrer individuellen Stressoren, Bewertungen und Stressreaktionen gewahr. Zunächst werden die Stressoren beleuchtet, die es in ihrem Leben gibt und welchen Einfluss diese auf  ihre Gedanken, Gefühle und Körperwahrnehmungen haben. Durch angeleitete Übungen erkennen die Frauen über welche Fähigkeiten sie bereits verfügen, um Stress zu bewältigen. Auf diese Weise sollen die Teilnehmerinnen erkennen, wie sie mit konkreten Techniken auf verschiedenen Ebenen in das Stressgeschehen eingreifen können. Somit sollen ihnen Perspektiven zur Handlungsfähigkeit und damit zur Selbstwirksamkeit aufgezeigt werden.

Ressourcenaktivierung und Ressourcenstärkung

In intensiven Stresssituationen fühlen sich Personen oftmals passiv und handlungsunfähig. Folglich sinkt in Krisensituationen das Selbstwirksamkeitserleben. Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeit sind überzeugt, bei Anforderungen effektiv und erfolgreich handeln zu können. Durch die Aktivierung und Reaktivierung der eigenen Ressourcen sollen die Teilnehmerinnen innerlich gestärkt und zum Handeln ermutigt werden. Häufig sind sich die Frauen ihrer eigenen Stärken nicht mehr bewusst. Durch gezielte Instruktionen werden die Teilnehmerinnen auf ihre Ressourcen aufmerksam gemacht und sie werden dabei unterstützt, diese wertzuschätzen. Das wirkt sich positiv auf ihre Selbstwirksamkeit und ihren Selbstwert aus. Sie trauen sich das Erreichen schwieriger Ziele eher zu und streben diese mit mehr Anstrengung und Ausdauer an (Brinkmann, 2014). Durch die Reaktivierung der in den Hintergrund getretenen Ressourcen soll auch das Erleben von handlungsbahnendem, positivem Affekt reaktiviert werden. Somit können sich die Frauen als bewusst gestaltend erleben. Gleichzeitig werden in der Vergangenheit weniger beachtete Aspekte des Selbst aktiviert, die zu dessen Reorganisation beitragen sollen.

Grenzen erkennen und umsetzen

Um gezielt zu einer Reorganisation des Selbst beizutragen, müssen besonders die Grenzen zwischen dem eigenen Selbst und dem Beziehungsselbst erlebt und neu definiert werden. Nach Kast (2011) müssen sich Menschen im Trauerprozess der Trennung von ihrem Beziehungsselbst auf ihr individuelles Selbst zurückorganisieren. Auf körperlicher, emotionaler und kognitiver Ebene soll bewusst wahrgenommen werden, wo man selbst in Bezug zum getrennten Partner und anderen relevanten Bezugspersonen steht. Ziel ist es, dass die Teilnehmerinnen auf allen drei Ebenen wahrnehmen, in welcher Form sie sich zukünftig abgrenzen möchten, um zu mehr Individualität zu gelangen. Sie erhalten darüber hinaus Anregungen, wie sie ihre eigenen Grenzen nach außen vertreten können. Dies führt zu mehr innerer Klarheit. Wird dieses Verhalten zukünftig umgesetzt, wird das Selbstwirksamkeitserleben gesteigert.

Achtsamkeit

Gemäß dem Trauerprozess nach Kast, ist das Wahrnehmen der eigenen Grenzen und die allmähliche Umstrukturierung ein wichtiger Aspekt im Trennungsprozess. Um zum einen die eigenen Grenzen sensibel wahrzunehmen und zum anderen das Erleben im „Hier und Jetzt“ zu intensivieren, werden die Frauen in Achtsamkeit geschult. Allgemein gilt das Achtsamkeitstraining als eine der bedeutendsten Methoden zur Stressreduktion und seine gesundheitsbezogenen Folgen wurden bereits in einer Vielzahl an Studien nachgewiesen,  wie eine Metaanalyse von Hempel und Kollegen (2014) gezeigt hat. Durch die Wahrnehmung des gegenwärtigen Moments und das Handeln in der aktuellen Situation werden die Ruminationen und das Stresserleben unterbrochen. Somit wird negativem Affekt aktiv entgegengewirkt und das Selbstwirksamkeitserleben wiederum gestärkt. Wird durch intensiven Stress und hohen negativen Affekt die Aufmerksamkeit vor allem auf das Negative gelenkt, soll durch die Schulung der Achtsamkeit der Fokus verstärkt auf alltägliche Erfahrungen gelenkt werden, die auch positive Erlebnisse beinhalten. Durch das Achtsamkeitstraining wird das Erlebensspektrum der Teilnehmerinnen erweitert.

Akzeptanz, Integration und Neubeginn

Der Weg von der ausgesprochenen Trennung bis zur emotionalen Trennung erfordert alte Lebenskonzepte, das Selbstbild und eigene Werte neu zu ordnen, um Zukunftsvisionen entwickeln und konkrete Ziele verfolgen zu können. Erst durch die Auflösung des Widerstands gegenüber der neuen Lebenssituation und der Integration dieser Realität in das eigene Selbstbild, kann es gelingen ein neues Lebenskonzept als getrennte Frau und – zumindest vorläufig – alleinerziehende Mutter zu entwickeln. Ein wichtiger Schritt dazu ist die Akzeptanz dieser Situation. Greenberg (2011) geht davon aus, „dass der wichtige Schritt für Veränderung Akzeptanz (der Probleme) ist, nach dem Motto, dass man einen Ort erst verlassen kann, wenn man dort angekommen ist“ (S.41). Für alle Neustrukturierungen oder Reorganisationen des eigenen Selbst bedarf es zu erkennen, an welchen vergangenen Lebenskonzepten und Selbstbildern festgehalten wird, obwohl sie nicht mehr zu der aktuellen Realität passen und es notwendig wäre, sich von diesen zu lösen bzw. diese in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren. Zu erkennen, an welchen Konzepten noch festgehalten wird, stellt eine wichtige Voraussetzung für die Akzeptanz und zur Integration in die eigene Lebenswelt dar. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, um sich dem Neubeginn öffnen zu können. Erst nach Abschluss dieses Prozesses ist es möglich, neue Lebenskonzepte und Ziele zu entwickeln und zu verfolgen.

Eine Integration neuer Erfahrungen in das Selbstsystem kann erst dann gelingen, wenn negative Affekte wie Angst und Schmerz herabreguliert werden können. Die Überwindung dieser chaotisch erlebten Emotionen stellen nach Kast den Übergang von der zweiten zur dritten Phase der Trauerarbeit dar. Erst durch die Herabregulation von negativem Affekt kann die Reorganisation des Selbst in all seinen Facetten gelingen. Der Weg führt die sich trennende Person oft von der Leugnung der Situation, über Emotionen wie Angst und Wut in das Erleben von Trauer. Die Trauer kann als Anzeichen für das Annehmen und die Akzeptanz der neuen Situation angesehen werden. Durch ein Wechselspiel aus Übungen die zur Emotionsregulation beitragen sollen, und durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenssituation und den daraus resultierenden Widerständen, soll mit dem GITZ-Programm der Weg der Akzeptanz und Integration der neuen Gegebenheit unterstützt werden.

Gelingt es den Teilnehmerinnen sich selbst wieder besser zu spüren, können auch neue Zukunftsvisionen entwickelt werden, die auf eigenen Wünschen und Bedürfnissen beruhen. „Ohne Werte sind Handlungen undenkbar. Sie steuern den Einsatz der Fähigkeiten und Fertigkeiten von Menschen bei ihren Handlungen und richten ihre Vorstellungen und ihr Wissen auf die angestrebten Handlungsergebnisse hin aus“ (Kleinbeck, 2006). Über die Wahrnehmung und das Erkennen eigener verborgener Wünsche, Visionen und Bedürfnisse, die sich in die Zukunft richten, können neue Ziele für die Zukunft entwickelt werden.

Phase Drei

Während die zweite Phase überwiegend explizite, kognitionsorientierte Interventionen vorhält, fokussiert die dritte Phase vorwiegend auf die Aktivierung der impliziten, emotionsbasierten Aspekte. So werden den Teilnehmerinnen einerseits konkrete Techniken vermittelt, die zur Stressreduktion beitragen und andererseits Übungen angeboten, die das emotionale Erleben in den Vordergrund stellen. Auf diese Weise gelingt es, die in Phase zwei größtenteils rational erfassten Aspekte auf einer implizit emotionalen Ebene erlebbar zu machen. Hierbei spielen besonders imaginative Verfahren im Vordergrund. Durch die Kraft der eigenen Vorstellungen können die Selbstheilungskräfte aktiviert und Wünsche und Sehnsüchte für die Zukunft entwickelt werden. In der Imagination kann sich vieles entwickeln, was zunächst nicht für möglich gehalten wurde (Kast, 2012). Mit Hilfe der eigenen Vorstellungskraft können die Teilnehmerinnen neue hilfreiche heilende innere Bilder entwickeln, die zumindest in dem Moment der Imagination zu neuen Empfindungen führen und so mehr positive Emotionen generieren.

Neben den imaginativen Verfahren werden die Teilnehmerinnen auch in ihrer Achtsamkeit geschult. Im Seminar sollen die Frauen erleben, was es heißt, achtsam wahrzunehmen. Durch das Trainieren von Achtsamkeit, werden die Gedanken immer wieder auf die aktuelle Situation gelenkt. Dies bietet einen Schutz vor übermäßigem Grübeln und reduziert so das Stresserleben. Darüber hinaus dient die Achtsamkeitsschulung auch der Wahrnehmung und Wertschätzung der eigenen Bedürfnisse, aus denen später neue Werte entwickelt werden können. Entsprechend dem Ansatz der Werte Entwicklung aus dem Theoriemodell der ACT-Therapie sollen die Teilnehmerinnen unterstützt werden, die ihrem Leben in Zukunft einen Sinn geben. Mit Hilfe von Übungen bei denen sich die Teilnehmerinnen eher über einen emotionsbasierten, bildhaften Zugang ihren Werten nähern, werden eine Vielzahl von impliziten Wünschen, Bedürfnissen und Zielen parallel berücksichtigt. Über eine explizite Entwicklung der Zielbildung wäre dies kaum möglich. Eine wichtige Voraussetzung, um auf diese Weise eigene Zukunftsvisionen und konkrete Ziele bilden zu können, ist ein guter Selbstzugang. Dieser wird wie beschrieben, durch die Fähigkeit zur Emotionsregulation unterstützt.

Zusammenfassung und Ausblick

Frauen in Trennungssituationen sind erheblichen Stressoren ausgesetzt. Neben der Herausforderung der emotionalen Bewältigung der Trennung sind sie nach wie vor überwiegend die hauptbetreuenden Elternteile und zudem meist, zumindest in Teilzeit beschäftigt. Diese Belastungen haben eine unmittelbare Auswirkung auf die eigene psychische und physische Gesundheit. Dadurch, dass in der Regel der Hauptfokus auf die Bedürfnisse der Kinder gelegt wird, werden die eigenen Bedürfnisse ganz und gar hintenangestellt. Dies kann zu einer völligen Erschöpfung führen, die oft viel zu spät wahrgenommen wird – meist erst dann, wenn gesundheitliche Beeinträchtigungen darauf hinweisen. Die Gruppen- und Beratungserfahrung zeigt, dass der Selbstzugang der Frauen in ihrer Trennungssituation stark beeinträchtigt ist. Sie können kaum mehr wahrnehmen, was sie wirklich brauchen, um ein ausgewogenes, gesundes Leben zu führen.

Um diesen Beeinträchtigungen entgegen zu wirken, wurde das Seminar „Gelassen in turbulenten Zeiten“ entwickelt. GITZ ist ein Stressbewältigungsprogramm für Frauen, die sich in einer Trennungssituation befinden. Das GITZ-Seminar soll die Teilnehmerinnen dabei unterstützen, den Prozess der Trennung und der Trauer zu bewältigen. Dabei steht vor allem die Reorganisation des Selbst vom Beziehungsselbst zum individuellen Selbst im Fokus des Seminars. Auf der Wahrnehmungsebene sollen die Teilnehmerinnen zum einen für die persönlichen Stressoren sensibilisiert werden und zum anderen unterstützt werden, sich und ihren Körper wieder achtsam wahrzunehmen. Auf der Verhaltensebene lernen die Teilnehmerinnen Techniken und Methoden kennen, wie sie in Belastungssituationen auftretenden Stressoren aktiv entgegenwirken können. All das ist nur möglich, wenn parallel der Selbstzugang gestärkt wird und so auch die Selbstwirksamkeit wieder aktiviert wird. Mit Methoden zur Regulation der eigenen Emotionen soll der Zugang zum Selbst unterstützt werden. Erst wenn es einer Person gelingt, einen Zugang zu den eigenen Wünschen und Bedürfnissen herzustellen, kann mit der Reorganisation des Selbst und mit der Bildung neuer Zukunftsvisionen begonnen werden. Durch Übungen zur Ressourcenaktivierung sollen die Teilnehmerinnen gestärkt werden ihre Absichten zu realisieren.

Bislang besteht das Programm nur für Frauen, da die Praxis zeigte, dass ein solcher Ansatz von Männern nur sehr zögerlich angenommen wird. Diese Zurückhaltung von Männern kann zum einen daran liegen, dass es Männern prinzipiell schwerer fällt, sich in der Gruppe emotional zu öffnen und zum anderen daran, dass sie sich von den Inhalten und Herangehensweisen dieses Ansatzes nicht in dem Maße angesprochen fühlen, wie es Frauen in einer vergleichbaren Situation tun. Da davon auszugehen ist, dass auch bei Männern das Stresserleben in einer Trennungssituation hoch ist und sie von einem Stressbewältigungsprogramm in einer Trennungssituation ebenfalls profitieren würden, gilt es die Bedürfnisse von Männern in einer solchen Situation genauer zu ergründen, um zielgerichtete Programme für Männer in Trennungssituationen zu konzipieren. Auch prinzipielle Geschlechterunterschiede in der Stressverarbeitung könnten Inhalt zukünftiger Forschung sein.

Für Interessierte findet eine Weiterbildung zu diesem Programm vom 27.02.2019 bis 28.02.2019 am Evangelischen Zentralinstitut für Familienberatung statt, in der Sie das Konzept des Programms kennenlernen und alle relevanten Arbeitspapiere erhalten, um dieses Seminar in Ihrer Beratungsstelle anbieten zu können.

Literaturverzeichnis:

Brinkmann, R. (2014). Angewandte Gesundheitspsychologie. Hallbergmoos: Pearson.

Greenberg, L. S. (2011). Emotionsfokussierte Therapie. München: Ernst Reinhardt Verlag.

Hempel, S., Taylor, S. L., Marshall, N. J., et al. (2014). Evidence Map of Mindfulness. Washington (DC): Department of Veterans Affairs (US) Verfügbar unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/ NBK268640/. Zugriff: 09. Mai 2017.

Kast, V. (2011). Natürliche Trauer-komplizierte Trauer. Psychotherapie-Wissenschaft, 1(2), 94-101.

Kast, V. (2012). Imagination – Zugänge zu inneren Ressourcen finden. Ostfildern: Patmos Verlag.

Kuhl, J. (2001). Motivation und Persönlichkeit. Interaktionen psychischer Systeme. Göttingen: Hogrefe.

Kuhl, J. (2010). Lehrbuch der Persönlichkeitspsychologie: Motivation, Emotion und Selbststeuerung. Göttingen: Hogrefe.

Lazarus, R. S. (1991). Progress on a cognitive-motivational-relational theory of emotion. The American Psychologist, 46(8), 819-834.

McRoberts, C., Burlingame, G. M. & Hoag, M. J. (1998). Comparative Efficacy of Individual and Group Psychotherapy: A Meta-Analytic Perspective. Group Dynamics: Theory, Research, and Practice, 2(2), 101-117.

Meibert, P., Michalak, J. & Heidenreich, T. (2006). Stressbewältigung durch Achtsamkeit. Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR). PiD – Psychotherapie im Dialog, 7 (3), 273-279.

Michalak, J., Heidenreich, T. & Williams, J. M. G. (2011). Achtsamkeit (Fortschritte der Psychotherapie). Göttingen: Hogrefe.

Quirin, M. & Kuhl, J. (2014). Selbstzugang. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie (17., vollst. überarb. Aufl.). Bern: Hans Huber.

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Wengenroth, Matthias (2017). Therapie Tools Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT). Weinheim: Beltz.

Yalom I. D. (2004). Liebe, Hoffnung, Psychotherapie. München, BTB Verlag.

Yalmon, I. D. (2015). Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie. Ein Lehrbuch – Leben Lernen. Stutgart: Klett-Cotta.

Autorin

Katrin Normann, Diplom-Sozialpädagogin, Paar- und Familientherapeutin, Mediatorin (BM), Leiterin des Familien-Notruf München; Trainerin für: Paar und Familientherapie; Trennungs- und Scheidungsberatung und Mediation; Fort- und Weiterbildung in den Bereichen Mediation, und Beratungsangebote für hocheskalierte Familienkonflikte. München, KIB Trainerin und Fortbildungen zur Stressbewältigung. München; normann@familien-notruf-muenchen.de