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Die nachberufliche Zeit – ein Wendepunkt im Leben

Die nachberufliche Zeit – ein Wendepunkt im Leben

Einleitung

Übergänge im Leben, also Zeiten, in denen ein neuer Lebensabschnitt beginnt, haben ihre ganz eigene Dynamik. In vielen Bereichen ist das, was bisher noch gültig war, von jetzt auf gleich nicht mehr relevant. Dies kann zu Unruhe, zu Ängsten und Unsicherheiten führen. Grund dafür ist die meist zu Beginn des Übergangs in eine neue Lebensphase empfundene Orientierungslosigkeit. Wir wissen nicht mehr, wohin wir gehören, wie wir uns definieren. Das gilt besonders für die Zeit nach dem Berufsleben. Auch wenn wir einerseits froh sind, aus dem anstrengenden Arbeitsalltag herauszukommen, so spüren wir andererseits den Verlust langjähriger Strukturen, Abläufe und Kontakte. Wir gehören nicht mehr in die gewohnte Arbeitswelt und haben in der neuen Welt noch nicht Fuß gefasst. Meist wissen wir nicht einmal, wie die neue Welt aussehen soll. Dieser Übergang ist vermutlich eine der schwersten Phasen des Lebens.

Wissenschaftliche Untersuchungen

Jeder Übergang im Leben, sei es der Eintritt in das Berufsleben, die Geburt eines Kindes, so auch der Ausstieg aus dem Berufsleben bietet immer auch Entwicklungschancen. Insofern ist das Interesse der Forschung in diesem Bereich auch zunehmend auf ein wachsendes Interesse gestoßen. (Schmitt, A. 2018)

Sind noch keine neuen befriedigenden Alternativen für die nachberufliche Zeit gefunden, kann ein Gefühl der inneren Leere entstehen. Die empfundene Leere, geht oft mit dem Fehlen der Sinnhaftigkeit des Lebens einher. Gerade Menschen, die sich ein Leben lang stark über ihre beruflichen oder auch familiären Rollen definiert haben, erleben erfahrungsgemäß diesen Gemütszustand. (Schmitt, A. 2018)

Ratgebermedien

In Büchern, Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehsendungen findet man vielfältige Empfehlungen für ein erfülltes, gesundes Leben im Alter. Das Angebot ist breit gefächert, der Geldbeutel jeweils unterschiedlich belastet. Best Ager haben die Wahl: Early-bird auf dem Golfplatz oder lieber Balkonkabine auf dem Luxusliner, erfolgreiche Gartenpflege oder späte Bildung an der Volkhochschule, gemeinsamer Singkreis oder neue Spiele mit den Enkelkindern. Besondere Beachtung wird in diesen Beiträgen eher der physischen Gesundheit im Ruhestand gewidmet. So stehen Themen wie gesunde Ernährung und Bewegung im Vordergrund.

Gesundheit ist aber nicht nur durch den körperlichen Zustand bestimmt, sondern der psychische Aspekt ist ebenso zu berücksichtigen. Unsere Gedanken und Gefühle spielen eine wesentliche Rolle bei dem subjektiven Empfinden von physischer und psychischer Gesundheit.

Psychischer Aspekt der nachberuflichen Zeit

In meinem Beitrag geht es vor allem um den psychischen Aspekt der nachberuflichen Zeit. In der Phase dieses Übergangs ist es zunächst wichtig, sich aktuellen Fakten und individuellen Themen zu stellen, um diese Lebensphase ganz bewusst anzugehen. Es macht keinen Sinn, die Tatsache zu verdrängen, dass wir uns ab jetzt die Aufgaben, denen wir nachgehen möchten, ganz eigenständig suchen müssen. Wir sind, wie noch nie in unserem Leben, auf uns selbst zurückgeworfen. Es gibt keine biographischen Vorgaben mehr. Karriereorientiertes Denken ist nun obsolet, berufliche Ziele weichen privaten Zukunftsvorstellungen. In Lebensübergängen sind Krisen nichts Ungewöhnliches, sondern ein ganz natürlicher Prozess. So kann auch das Reflektieren über die aktuelle persönliche Situation am Übergang in den Ruhestand in einzelnen Fällen eine Krise auslösen.

Die Erkenntnis, dass die berufliche Zeit mit allem, was dazu gehört, vorbei ist, führt mitunter zu Gefühlen von Hilflosigkeit und Unsicherheit.  Solche Zeiten können als Identitätskrisen erlebt werden. Es kann nicht so leicht von heute auf morgen auf eine andere Identität umgeschwenkt werden.

Neue Lebenssituationen erfordern mitunter, dass wir neue Facetten an uns entdecken und entwickeln müssen. Anpassung geschieht dadurch, dass wir nach und nach mit der neuen Lebenssituation vertraut werden. So kann sich eine als fremd erlebte Situation nach und nach in Vertrautes entwickeln. (Kast, V. 2003)

Damit einhergehende Emotionen können bewältigt werden, indem der Blick und die Haltung auf die Situation verändert wird. Wenn die Perspektive und die damit verbundenen Bewertungen verändert werden, wandelt sich auch die emotionale Bedeutung – eine gute Voraussetzung, um die neue Lebensphase aktiv anzugehen.

Mögliche Themen und Fragestellungen dieser Lebensphase

· Emotionaler Stress: Wie kann ich innerlich zur Ruhe kommen, um im Hier und Jetzt zu sein und um dann schlussendlich die neue Phase ganz bewusst Schritt für Schritt anzugehen? Wird der Übergang als Krise erlebt, löst dies Stress aus. Stress entsteht, wenn keine Ressourcen und Bewältigungsstrategien zur Verfügung stehen. Wenn es keine tragfähigen Konzepte, Ideen für die nachberufliche Zeit gibt, kann das zu großer Verunsicherung führen.

· Lebenssinn: Welchen Sinn hat mein Leben jetzt? Welcher soll ihm gegeben werden, jetzt, wo es nur noch wenig Vorgaben von außen gibt?

 · Gefühl der Leere: Wie gehe ich damit um, wenn ich die freie Zeit immer mehr als Leere betrachte und wenig Inhalte finde, die mich befriedigen?

· Statusverlust / Rollenverlust: Wie finde ich meine neue Rolle? Wir identifizieren uns stark über die jeweiligen Rollen, die wir im Laufe des Lebens innehaben, z.B. die Rolle des Kindes, die Rolle des/der Lernenden, die Mutterrolle oder die Vaterrolle. In der Rushhour des Berufslebens sind wir uns meist gar nicht bewusst, wie stark gerade unsere Rolle im beruflichen Lebensbereich unsere Identifikation geprägt und bestimmt hat. Zu Beginn des Lebensabschnitts Ruhestand geht es darum, sich von der beruflichen Rolle zu verabschieden. Der Raum der nun frei wird geworden ist, kann neu erfunden werden.

· Verlust von sozialen Kontakten: Wie und wo kann ich neue Kontakte finden, alte wieder aktivieren? Zu Beginn der Ruhestandsphase fällt oft auf, wie viele Kontakte durch den beruflichen Alltag gegeben waren. Sei es durch Kunden, Klienten, Patienten, Mandanten, aber natürlich auch durch die Kollegen und das berufliche Netzwerk, in dem man stand. Diese vielen Kontakte gaben ein Gefühl von Verbundenheit. Auch wenn z.B. viele Sitzungen und Arbeitskreise nicht immer als sinnvoll erlebt wurden, aber so waren es doch Erfahrungen, in denen wir große Zugehörigkeit erlebt haben. Mitunter fällt es leichter in die neue Lebensphase hineinzuwachsen, durch Kontakte mit Menschen in der gleichen Lebenssituation. Auch hieraus ergeben sich neue Netzwerke und das Gefühl von Verbundenheit.

· Verlust von beruflicher Anerkennung und Wertschätzung: Wofür kann ich mir durch mich selbst Wertschätzung und Anerkennung geben? Womit in meinem Leben identifiziere ich mich, worauf bin ich stolz? Was macht mich zufrieden und gibt mir Sicherheit? Antworten auf all die Fragen nähren unser Selbstwertgefühl.

Entwicklungsaufgaben, die durch Beratung oder Coaching unterstützt werden können

Zunächst geht es um Akzeptanz. Es geht darum zu akzeptieren, dass manches im Leben vielleicht nicht in Erfüllung gegangen ist und eventuell auch nicht mehr gelebt werden kann. Diese Akzeptanz, d.h. das Annehmen, was ist, führt zu großer Beruhigung, zu Klarheit und bestenfalls auch zu einem Gefühl des Einverstanden-Seins mit dem, was gelungen und vielleicht auch nicht gelungen ist. Wer akzeptieren kann, hat die Chance, mit sich ins Reine zu kommen und kann sich der neuen Lebensphase bewusst widmen. Im anschließenden Prozess, der mit fachkundiger Beratung in Gang gesetzt, unterstützt und begleitet werden kann, geht es darum herauszufinden, was ist für die weitere persönliche Entwicklung wichtig ist. Der Fokus liegt dabei immer auf der Frage: Wohin geht die persönliche Entwicklung?

Antworten auf diese Frage entwickeln sich durch bewusstes Abwägen von anstehenden Entscheidungen. In einem ruhigen, nicht bewertenden Bewusstsein eröffnen sich neue Ideen und Handlungsspielräume. Auf diese Weise entwickelt sich eine weitere Identität, nämlich: Wer bin ich jetzt, in diesem neuen Kontext der nachberuflichen Zeit? Aspekte des Selbst, die im Laufe des Lebens verloren gegangen sind, können durch die Herausforderungen des Lebensüberganges wieder zurückerobert werden. Dies gelingt, indem Vertrauen in die Zukunft entwickelt wird. Vertrauen in sich und das Leben geben uns die Kraft und Offenheit, uns entwickeln zu können. Angst unterstützt das Gefühl von Orientierungslosigkeit sowie Hilflosigkeit. Mitunter braucht gerade diese Phase Zeit. All die Rollen und Aufgaben die bisher eingenommen wurden, waren wie ein Korsett, das gehalten und getragen hat. Nun gilt es, dass Vertrauen ins Leben aus dem eigenen Selbst, also aus der eigenen Identität heraus zu gestalten – eine herausfordernde, aber auch interessante Aufgabe. Dabei ist es hilfreich, die eigenen Ressourcen zu erarbeiten, die in der Vergangenheit aufgrund der Arbeitssituation nicht im Blick waren. Jetzt beginnt die Zeit, in der vertrauensvoll in die Zukunft geblickt werden kann. In Ruhe wird reflektiert, wo die eigenen Ressourcen liegen. Viel Neues kann ausprobiert, Altes vielleicht wieder aktiviert werden. Ressourcen erleichtern den Umgang mit der neuen Lebenssituation im Ruhestand und sind damit einer positiven Entwicklung zuträglich.

Durch die Aktivierung der Ressourcen entsteht das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Eine starke Selbstwirksamkeit- bzw. subjektive Kompetenzüberzeugung ist ein wichtiges Persönlichkeitsmerkmal für die Bewältigung kritischer Lebensereignisse.

Je deutlicher sich die Vielfalt der Ressourcen entwickeln lassen, desto konkreter wird die Entwicklung der eigenen Individualität. Sicher kommt Neues hinzu, vielleicht wird auch manch Altes abgelegt. In aller Ruhe kann der Frage nachgegangen werden: Wer bin ich? Was macht mich aus, auch jenseits der beruflichen Aufgaben? Was beschreibt meine Individualität? So entwickelt sich allmählich eine ganz neue Perspektive auf ein erfülltes Leben. Dabei ist es hilfreich, auf die persönlichen Werte zu schauen. Welche Werte definieren ein erfülltes Leben? Da gibt es viele Bereiche zu betrachten, z.B. Gesundheit, Familie, Hobby, Partnerschaft, Umgang mit Finanzen, religiöse oder spirituelle Aspekte u.a.m. Entscheidend ist immer wieder die Frage, in welche Richtung sich das eigene Leben entwickeln soll. Was hat besondere Bedeutung? Welche Ziele werden angestrebt? Wofür sollen Zeit und Energie aufgewendet werden? Werden diese Aspekte intensiv erarbeitet, also von innen her, aus eigenem Antrieb, ist eine intrinsische Motivation erreicht, die benötigt wird, um ins Handeln zu kommen.

Fazit

Durch fachkundige Beratung können Betroffene erfahren, das Ende des Berufslebens als ambivalentes Lebensereignis mit Gewinnen und Verlusten zu verstehen und zu akzeptieren. Es geht in der Beratung darum, eine neue Passung zu finden, zwischen dem, was war und dem, was kommen wird. Darin begründet sich die Entwicklungsmöglichkeit in der neuen Lebensphase. Schlussendlich wird die sich neu entwickelte Identität ins Selbst integriert und der Anpassungsprozess ist vollzogen.

Katrin Normann München, 17.10.2021

Schmitt, A. (2018): Übergang in und Anpassung an den Ruhestand als Herausforderung aus psychologischer Perspektive. In: Organisationsberatung, Supervision, Coaching, 25(3), 337-347.

Kast, V. (2003): Trotz allem ich. Herder Verlag