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Die nachberufliche Zeit – ein Wendepunkt im Leben

Einleitung
Übergänge im Leben, also Zeiten, in denen ein neuer Lebensabschnitt beginnt, haben ihre ganz eigene Dynamik. Was bisher noch gültig war, ist von jetzt auf gleich nicht mehr relevant. Dies kann zu Unruhe, zu Ängsten und Unsicherheiten führen. Grund dafür ist die meist zu Beginn des Übergangs empfundene Orientierungslosigkeit. Wir wissen nicht mehr, wohin wir gehören, wie wir uns definieren. Das gilt besonders für die Zeit nach dem Berufsleben. Auch wenn wir einerseits froh sind, aus dem anstrengenden Arbeitsalltag herauszukommen, so spüren wir andererseits den Verlust langjähriger Strukturen, Abläufe und Kontakte. Wir gehören nicht mehr in die gewohnte Arbeitswelt und haben in der neuen Welt noch nicht Fuß gefasst. Meist wissen wir nicht einmal, wie die neue Welt aussehen soll. Dieser Übergang ist vermutlich eine der schwersten Phasen des Lebens.

Wissenschaftliche Untersuchungen
Übergänge bieten jedoch immer auch Entwicklungschancen. So ist der Ausstieg aus dem Erwerbsleben und die Anpassung an die Phase danach in den letzten beiden Jahrzehnten in der gesundheits-, arbeits- und entwicklungspsychologischen Forschung auf ein wachsendes Interesse gestoßen (Hübner 2016; Wang 2012; Wang und Shi 2014). Eine israelische Studie beschreibt, dass Unsicherheiten und Angst vor der Leere im Ruhestand zu erhöhtem Stress führen (Nuttmann- Schwartz 2004). Quadbeck und Roth (2008) formulieren für das Gefühl der Leere im Ruhestand bei Führungskräften den Begriff des so genannten » Empty Desk Syndroms«. Den Betroffenen fehlt das Gefühl der Sinnhaftigkeit, gebraucht zu werden und eine Aufgabe zu haben. Zusätzlich müssen sie damit fertig werden, beruflich ersetzbar zu sein. Der negative Effekt verstärkt sich bei einer hohen beruflichen Identifikation und einem gleichzeitig geringen Grad an informellen sozialen Kontakten (Lancee und Radl 2012; Naegele 2004; van Solinge und Henkens 2007). Vor allem Personen in vormals gehobenen Positionen erleben mit dem Ende des Berufslebens eine Nivellierung des sozialen Status und oftmals einen Prestigeverlust (vgl. Rijs u. a. 2012; Schroeter 2006). Auch die Altersforschung beschäftigt sich mit der nachberuflichen Lebensphase. Sie stellt fest, dass Menschen, die eine positive Einstellung zum Alter haben, im Schnitt siebeneinhalb Jahre länger leben, als Menschen mit einer negativen Einstellung. „Die Menschen, die positiv über das Alter denken, hören nicht auf, sich um sich zu kümmern.“ (McConigal Spiegel 2020) (Zitat?)

Ratgebermedien
In Büchern, Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehsendungen findet man vielfältige Empfehlungen für ein erfülltes, gesundes Leben im Alter. Das Angebot ist breit gefächert, der Geldbeutel jeweils unterschiedlich belastet. Best-Ager haben die Wahl: Early-bird auf dem Golfplatz oder lieber Balkonkabine auf dem Luxusliner, erfolgreiche Gartenpflege oder späte Bildung an der Volkhochschule, gemeinsamer Singkreis oder neue Spiele mit den Enkelkindern. Besondere Beachtung wird eher der physischen Gesundheit im Ruhestand gewidmet. Hier stehen Themen wie gesunde Ernährung und Bewegung im Vordergrund.
Gesundheit wird aber nicht nur über körperlichen Dimensionen definiert, sondern als mehrdimensionales Konstrukt (Hübner 2016), bestehend aus körperlichen, psychischen und sozialen Aspekten (Lippke und Renneberg 2006; WHO 2017).

Psychischer Aspekt der nachberuflichen Zeit
In diesem Aufsatz „Die nachberufliche Zeit – ein Wendepunkt im Leben“ geht es vor allem um den psychischen Aspekt. In der Phase dieses Übergangs ist es zunächst wichtig, sich aktuellen Fakten und individuellen Themen zu stellen, um diese Lebensphase ganz bewusst anzugehen. Es macht keinen Sinn, die Tatsache zu verdrängen, dass wir uns ab jetzt die Aufgaben, denen wir nachgehen möchten, ganz eigenständig suchen müssen. Wir sind, wie noch nie in unserem Leben, auf uns selbst zurückgeworfen. Es gibt keine biographischen Vorgaben mehr. Karriereorientiertes Denken ist nun obsolet, berufliche Ziele weichen privaten Zukunftsvorstellungen.

In Lebensübergängen sind Krisen nichts Ungewöhnliches, sondern ein ganz natürlicher Prozess. So kann auch das Reflektieren über die aktuelle persönliche Situation am Übergang in den Ruhestand in einzelnen Fällen eine Krise auslösen. Die Fachliteratur beschreibt, etwa 30% der „Ruheständler“ haben Probleme mit der Anpassung an diese Situation. (Brailhwaite/Gibson 1987; Quick/Moen 1998).

Die Erkenntnis, dass die berufliche Zeit mit allem, was dazu gehört, vorbei ist, führt mitunter zu Gefühlen von Hilflosigkeit und Unsicherheit. „Veränderungen können zu Verunsicherungen führen. Sie werden als Identitätskrisen erlebt. Es kann nicht so leicht auf eine andere Identität umgeschwenkt werden. Das wirkt sich negativ auf das Selbstwertgefühl aus. Durch Veränderungen lernen wir neue Facetten an uns kennen. Entwicklung geschieht, indem zunächst fremdes nach und nach vertraut gemacht wird“ (Kast 2003, S. 20).
Diese Emotionen, können jedoch bewältigt werden, indem der Blick auf die Fakten verändert wird. Wenn die Perspektive und die damit verbundenen Bewertungen verändert werden, wandelt sich auch die emotionale Bedeutung – eine gute Voraussetzung, um die neue Lebensphase aktiv anzugehen.

Mögliche Themen und Fragestellungen dieser Lebensphase

  • Emotionaler Stress: Wie kann ich innerlich zur Ruhe kommen, um im Hier und Jetzt zu sein und um dann schlussendlich die neue Phase ganz bewusst Schritt für Schritt anzugehen? Wird der Übergang als Krise erlebt, löst dies Stress aus. Stress entsteht, wenn keine Ressourcen und Bewältigungsstrategien zur Verfügung stehen. Wenn es keine tragfähigen Konzepte, Ideen für die nachberufliche Zeit gibt, kann das zu großer Verunsicherung führen. Die Frage ist:
  • Lebenssinn: Welchen Sinn hat mein Leben jetzt? Welcher soll ihm gegeben werden, jetzt, wo es keine Vorgaben mehr von außen gibt?
  • Gefühl der Leere: Wie gehe ich damit um, wenn ich die freie Zeit immer mehr als Leere betrachte und wenig Inhalte finde, die mich befriedigen?
  • Statusverlust / Rollenverlust: Wie finde ich meine neue Rolle? Wir identifizieren uns stark über die jeweiligen Rollen, die wir im Laufe des Lebens innehaben, z.B. die Rolle des Kindes, die Rolle des/der Lernenden, die Mutterrolle oder die Vaterrolle. In der Rushhour des Berufslebens sind wir uns meist gar nicht bewusst, wie stark gerade unsere Rolle im beruflichen Lebensbereich unsere Identifikation geprägt und bestimmt hat. Zu Beginn des Lebensabschnitts Ruhestand geht es darum, sich von der beruflichen Rolle zu verabschieden. Der Raum der nun frei wird geworden ist, kann neu erfunden werden.
  • Verlust von sozialen Kontakten: Wie und wo kann ich neue Kontakte finden, alte wieder aktivieren? Zu Beginn der Ruhestandsphase fällt oft auf, wie viele Kontakte durch den beruflichen Alltag gegeben waren. Sei es durch Kunden, Klienten, Patienten, Mandanten, aber natürlich auch durch die Kollegen und das berufliche Netzwerk, in dem man stand. Diese vielen Kontakte gaben ein Gefühl von Verbundenheit. Auch wenn viele Sitzungen nicht immer als sinnvoll erlebt wurden, aber es so waren es doch etliche Erfahrungen, in denen wir große Zugehörigkeit erlebt haben. Mitunter fällt es leichter in die neue Lebensphase hineinzuwachsen, durch Kontakte mit Menschen in der gleichen Lebenssituation. Auch hieraus ergeben sich neue Netzwerke und das Gefühl von Verbundenheit.
  • Verlust von beruflicher Anerkennung und Wertschätzung: Wofür kann ich mir durch mich selbst Wertschätzung und Anerkennung geben? Womit in meinem Leben identifiziere ich mich, worauf bin ich stolz? Was macht mich zufrieden und gibt mir Sicherheit? Antworten auf all die Fragen nähren unser Selbstwertgefühl.

Entwicklungsaufgaben, die durch Beratung oder Coaching unterstützt werden können
Zunächst geht es um Akzeptanz. Es geht darum zu akzeptieren, dass manches im Leben vielleicht nicht in Erfüllung gegangen ist und eventuell auch nicht mehr gelebt werden kann. Diese Akzeptanz, d.h. das Annehmen, was ist, führt zu großer Beruhigung, zu Klarheit und bestenfalls auch zu einem Gefühl des Einverstanden-Seins mit dem, was gelungen und vielleicht auch nicht gelungen ist. Wer akzeptieren kann, hat die Chance, mit sich ins Reine zu kommen und kann sich der neuen Lebensphase bewusst widmen.

Im anschließenden Prozess, der mit fachkundiger Beratung in Gang gesetzt, unterstützt und begleitet werden kann, geht es darum herauszufinden, was ist für die weitere persönliche Entwicklung wichtig ist. Der Fokus liegt dabei immer auf der Frage: Wohin geht die persönliche Entwicklung?

Antworten auf diese Frage entwickeln sich durch bewusstes Abwägen von anstehenden Entscheidungen. In einem ruhigen, nicht bewertenden Bewusstsein eröffnen sich neue Ideen und Handlungsspielräume.
Auf diese Weise entwickelt sich eine weitere Identität, nämlich: Wer bin ich jetzt, in diesem neuen Kontext der nachberuflichen Zeit? Aspekte des Selbst, die im Laufe des Lebens verloren gegangen sind, können durch die Herausforderungen des Lebensüberganges wieder zurückerobert werden. Dies gelingt, indem Vertrauen in die Zukunft entwickelt wird. Vertrauen in sich und das Leben geben uns die Kraft und Offenheit, uns entwickeln zu können. Angst unterstützt das Gefühl von Orientierungslosigkeit sowie Hilflosigkeit. Mitunter braucht gerade diese Phase Zeit. All die Rollen und Aufgaben die bisher eingenommen wurden, waren wie ein Korsett, dass gehalten und getragen hat. Nun gilt es, dass Vertrauen ins Leben aus dem eigenen Selbst, also aus der eigenen Identität heraus zu gestalten – eine herausfordernde, aber auch interessante Aufgabe.

Dabei ist es hilfreich, die eigenen Ressourcen zu erarbeiten, die in der Vergangenheit aufgrund der Arbeitssituation nicht im Blick waren. Jetzt beginnt die Zeit, in der vertrauensvoll in die Zukunft geschaut werden kann. In Ruhe wird reflektiert, wo die eigenen Ressourcen liegen. Vieles Neues kann ausprobiert, Altes vielleicht wieder aktiviert werden. Ressourcen erleichtern den Umgang mit der neuen Lebenssituation im Ruhestand und sind damit einer positiven Entwicklung zuträglich. Nach Hobfoll (1989) sind Menschen bestrebt, Ressourcen zu schützen, zu erhalten und neue Ressourcen aufzubauen. Je mehr Ressourcen vorhanden sind, desto besser gelingt der Anpassungsprozess (Hobfoll et al. 2018).

Durch die Aktivierung der Ressourcen entsteht das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Eine starke Selbstwirksamkeits- bzw. subjektive Kompetenzüberzeugung ist ein wichtiges Persönlichkeitsmerkmal für die Bewältigung kritischer Lebensereignisse. »Selbstwirksamkeit ist die individuell unterschiedlich ausgeprägte Überzeugung, dass man in einer bestimmten Situation die angemessene Leistung erbringen kann« (Zimbardo 1999 nach BZgA 2012, S. 16). Selbstwirksamkeitsüberzeugung führt dazu, dass schwierige Aufgaben als Herausforderungen, die es zu meistern gilt, wahrgenommen werden. Diese Einstellung ist verbunden mit der Überzeugung, die Herausforderungen auch meistern zu können (ebd., S. 17).
Je deutlicher sich die Vielfalt der Ressourcen entwickeln lassen, desto konkreter wird die Entwicklung der eigenen Individualität. Sicher kommt Neues hinzu, vielleicht wird auch manch Altes abgelegt. In aller Ruhe kann der Frage nachgegangen werden: Wer bin ich? Was macht mich aus, auch jenseits der beruflichen Aufgaben? Was beschreibt meine Individualität?

So entwickelt sich allmählich eine ganz neue Perspektive auf ein erfülltes Leben. Dabei ist es hilfreich, auf die persönlichen Werte zu schauen. Welche Werte definieren ein erfülltes Leben? Da gibt es viele Bereiche zu betrachten, z.B. Gesundheit, Familie, Hobby, Partnerschaft, Umgang mit Finanzen, religiöse oder spirituelle Aspekte u.a.m. Entscheidend ist immer wieder die Frage, in welche Richtung sich das eigene Leben entwickeln soll. Was hat besondere Bedeutung? Welche Ziele werden angestrebt? Wofür sollen Zeit und Energie aufgewendet werden? Werden diese Aspekte intensiv erarbeitet, also von innen her, aus eigenem Antrieb, ist eine intrinsische Motivation erreicht, die benötigt wird, um ins Handeln zu kommen.

„Die Lebensqualität wird bestimmt durch Fußspuren – die Wege, die Menschen tatsächlich in ihrem Leben gehen, und nicht durch das, was sich zwischen ihren Ohren abspielt (Stohsal, Robinson und Gustavson 2012, S.55).

Fazit
Durch fachkundige Beratung können Betroffene lernen, das Ende des Berufslebens als ambivalentes Lebensereignis mit Gewinnen und Verlusten zu verstehen und zu akzeptieren. Es geht in der Beratung darum, eine neue Passung zu finden, zwischen dem, was war und dem, was werden wird. Darin begründet sich die Entwicklungsmöglichkeit in der neuen Lebensphase. Schlussendlich wird die sich neu entwickelte Identität ins Selbst integriert und der Anpassungsprozess ist vollzogen.

Katrin Normann
München, der 23.02.2021